Mitzieher

Der Mitzieher ist eine photograhische Technik, durch welche die Dynamik bewegter Objekte verdeutlicht werden kann. Das Ziel eines Mitziehers ist es, ein sich bewegendes Objekt scharf - oder zumindest teilweise scharf - im Photo darzustellen, den Hintergrund aber verwischen zu lassen. Warum nur teilweise scharf? Weil auch innerhalb des abzubildendes Objektes bewegliche Teile sein können, die verwischt dargestellt werden sollten, um dem Bewegungseindruck Nachdruck zu verleihen.

Mitzieher werden häufig in der Sportphotographie angewand - zumindest in Bewegungssportarten. Im Schach hingegen ist die Technik weniger beliebt :-).



171mm, f/11 1/100s bei ISO 100 ergeben ein
sehr dynamisches Bild dieses Rennwagens namens "Eifelblitz"

Das Bild oben wurde im Rahmen des 24h-Rennens auf dem Nürburgring im Jahre 2009 aufgenommen. Es zeigt einen BMW in der Anfahrt auf die erste Kurve, bereits in der Bremsphase. Sehr schön kann man den verwischten Hintergrund sehen - er macht viel von dem Geschwindigkeitseindruck aus, den das Bild vermittelt. Weitere Dynamik kommt durch die verwischte Darstellung der Felgen zustande.

Wie erreicht man das?

Zuächst sei die Aufnahmesituation betrachtet. Ich selbst stand mit meiner Kamera auf der Tribüne T4 auf dem Nürburgring (ansehen in Google Erde), wie rechts auf der Karte gezeigt. Hier waren die Voraussetzungen für einen schönen Mitzieher sehr gut. Die Fahrzeuge kommen eine lange Gerade herunter, die gut einzusehen ist (d.h. man kann bereits früh die Kamera ansetzen), die gerade führt desweiteren parallel an der Tribüne vorbei, wodurch sich die Entfernung zwischen Fahrzeug und Photoapparat nicht wesentlich während der Aufnahme verändert. Dies ist übrigens auch dann der Fall, wenn man sich innen in einer Kurve - möglichst nahe am Zentrum der Kurve - befindet.

Kameraeinstellungen

Das Wichtigste bei Mitziehern ist die Belichtungszeit. Sie muss lang genug sein, damit auch wirklich etwas verwischen kann. Je länger man belichtet, desto verwischter sieht die Aufnahme im Nachhinein aus. Ist die Belichtungszeit zu kurz, wird das Bild eingefroren - es wirkt entsprechend statisch. Selbst Formel 1 - Boliden sehen bei 1/1000s aus, als würden sie stehen. Wie lang die Belichtungszeit nun mindestens sein muss, kann man nicht abschließend sagen. Zwar könnte man eine theoretische Rechnung aufmachen - das möchte ich aber hier nicht tun. Experimentieren führt hier am besten zum Ziel. Und Geschmack läßt sich eben doch auch nicht berechnen.

Die Blendenöffnung werden Sie in den meisten Fällen nicht allzu groß wählen. Die Tiefenschärfe muss meist nicht berücksichtigen, es sei denn man möchte sich gleich schnell an der Kamera vorbeibewegende Objekte voneinander freistellen. Im Normalfall haben sie ein zu verfolgendes Objekt, dessen Freistellung allein schon durch das Verwischen der statischen Umgebung erledigt wird. Zum anderen werden Sie vielfach die Blende weiter schließen müssen, denn dadurch erreichen Sie die benötigten längeren Belichtungszeiten! Tasten Sie sich immer weiter an längere Belichtungszeiten heran. Sollte die Blende aber zu klein werden, kann es zur Unschärfe im gesamten Bild kommen (aufgrund der zu kleinen Blendenöffnung kommt es zur Beugungsunschärfe (Wikipedia-Artikel zur Beugungsunschärfe).

Meine besten Mitzieher habe ich bei ISO 100 und ISO 200 gemacht. Eine niedriger ISO-Wert erhöht die Belichtungszeit. Mir wurde einmal zugetragen, daß der Autofokus an meiner DSLR ein leichteres Spiel hat, wenn ich auf ISO 200 gehe - ich weiß allerdings noch nicht, ob dem wirklich so ist und ob es was ausmacht.

Für die Fokussierung haben Sie mehrere Möglichkeiten:

  • manueller Fokus
  • Autofokus (One-Shot-AF)
  • Autofokus (AI Servo)

Wenn Sie ein Fan der manuellen Fokussierung sind oder aufgrund eines fehlenden Autofokus nicht anders können, dann müssen Sie auf einen Punkt X vorfokussieren und dann in genau dem Moment den Auslöser drücken, in dem das bewegte Objekt den Punkt X passiert (oder kurz vorher wegen der Auslöseverzögerung). Beim einfachen - nicht mitführenden Autofokus (bei Canon heißt das One-Shot-AF) - ist die Zeitdauer zwischen Fokussieren und Auslösen möglicherweise zu lang (muss nicht, kann aber). Daher ist der mitführende Autofokus (bei Canon AI Servo genannt) die beste Option - dieser sollte aber auch schnell genug sein.

Der Bildstabilisator war bei Erstellung dieses Bildes eingeschaltet. Das ist aber nicht immer eine gute Idee. Hier handelte es sich um einen horizontalen Mitzieher und mein Objektiv ( Canon EF-S 55-250 1:4-5,6 IS) erkennt, wenn man horizontal oder vertikal mitzieht und stablisiert dann automatisch nur noch vertikal bzw. horizontal. Bei schrägen Mitziehern macht aber kein mir bekannter IS mehr mit. Hier muss der IS dann ausgeschaltet werden, um keine Überraschungen zu erleben.

Die Kamerabewegung beim Mitziehen

Am einfachsten sind horizontale Mitzieher bei denen sich das Motiv weder auf die Kamera zu- noch sich von ihr wegbewegt. Und selbst unter diesen optimalen Vorraussetzungen sollte man nicht enttäuscht sein, wenn die ersten Bilder total daneben gehen, denn die Kameraeinstellungen sind eben nicht alles.

Beginnen sie in Ruhe mit den Vorbereitungen an der Kamera. Machen Sie einige Trockenbewegungen und schwenken Sie - bei ans Auge gesetzer Kamera - entlang der erwarteten Bewegungsrichtung des Motiv. Bewegen Sie nicht nur die Kamera vor dem Auge, sondern bewegen Sie den Oberkörper als ganzes. Haben Sie den richtigen Schwung raus? Dann kann es weitergehen mit dem anvisieren des Motivs. Suchen sie sich schon Sekunden vor der Aufnahme aus, auf welchen Punkt sie fokussieren wollen - das ist der Punkt, der auf jeden Fall scharf sein soll. Bei dem Rennwagenbild oben war das einer der Aufkleber auf der Fahrertür. Hauptsache kontrastreich - denn das erhöht die Treffsicherheit des Autofokus. Halten Sie nun schon auf diesen Punkt - selbst wenn das Motiv noch einige Sekunden braucht, bis es an der Stelle angekommen ist, an der Sie das Bild schießen wollen. Das bringt Ruhe in die Bewegung, derweil der Autofokus mit dem mitführen beschäftigt ist. Irgendwann - am besten am Anfang dann, wenn das sich Motiv parallel zu Ihnen befindet (Schrägphotos kommen dann später...) - drücken Sie dann ab und HÜTEN SICH SICH davor nun direkt die Kamera vom Auge zu nehmen! Führen Sie die Kamera noch eine Zeit lang weiter mit dem Motiv mit, bis sie sich bewußt sicher sind, dass das Bild auf der Kamera angekommen und der Verschluß wieder geschlossen ist.

Wenn sie dies alles genau so tun, dann werden Sie feststellen, dass die erste Bilder immer noch Wegwerfartikel sind, und dass sie Anfangs recht viel Ausschuß produziern werden. Aber sie werden doch nach einigen Bildern das erste Erfolgserlebnis haben.

Was ist noch hilfreich?
  • Wenn die Lichtsituation zu gut ist, erreichen Sie möglicherweise nicht die erforderlichen langen Belichtungszeiten (oder müssen die Blende zu weit schließen -> Beugungsunschärfe). Hier hilft dann ein Neutraldichtefilter (auch ND-Filter oder Graufilter genannt).
  • Ganz tolle Effekte (gerade z.B. ein absolut verwischtes Heck eines Fahrzeugs bei scharfer Front) erreicht man durch Einsatz eines sogenannten Speed-Filters vor der Linse!
  • Ein Objektiv mit einem schnellen, treffsicheren Autofokus reduziert den Ausschuß.
  • Langsam rantasten an längere Verschlußzeiten reduziert die Frustgefahr.
  • Im Stehen und Sitzen gelingen die besten Mitzieher. Schwerer wirds im Liegen oder bei wenige Bewegungsfreiheit.
  • Sorgen Sie dafür, daß das Motiv früh genug sichtbar und anvisierbar wird.
  • die Serienbildfunktion einschalten und mehrere Bilder am Stück schießen: Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Treffer dabei ist.
  • Schauen Sie beim Mitziehen unbedingt durch den Sucher. Das mit Live View (Monitor) wird nichts.
Der nächste Schwierigkeitsgrad

Sie können sich nun langsam an längere Belichtungszeiten wagen. Mein längster Mitzieher war bisher ein Radfahrer, den ich bei 1/10s erwischte. Hier war vom Hintergrund aufgrund des Wischeffektes so gut wie nichts mehr zu erkennen. Auch können Sie sich an Mitzieher im Liegen oder Knien wagen, und auch Mitzieher in der Vertikalen oder in der Schrägen machen. Gerade schräge Mitzieher unterstreichen noch den dynamischen Bildeindruck. Sie werden aber sehen, dass das deutlich schwieriger ist. Was mir aufgrund mangelnder Übung noch nicht konstant gelingt, sind Mitzieher von leicht auf den Photographen zukommenden Fahrzeugen. Hier entsteht ein beeindruckender Effekt:



Audi TT beim 7.VLN 2010 am Nürburgring. Aufnahme aus dem
Bereich Hatzenbach. 1/60s bei f/14, ISO 200, 55mm.

Die Front ist scharf, während das Heck schon in der Unschärfe steckt. Dieses Bild wurde im Hatzenbach an der Nordschleife aufgenommen.

Sie kennen jetzt neben dem Umziehen, Anziehen und Ausziehen, dem Aufziehen und dem Abziehen, dem, Unterziehen und dem Überziehen auch das Mitziehen. Viel Spaß und immer ein gutes Bild im Kasten!



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